Liebe Geschwister,

Zu Weihnachten habe ich neue Räder für mein Rennrad bekommen. Vor ein paar Tagen habe ich sie endlich montiert. Sie sind leicht, präzise, bereit für Geschwindigkeit und weite Strecken. Beim Auspacken entdecke ich einen kleinen Bogen mit Blutgruppen-Aufklebern: O-positiv oder AB-negativ. Erst wirkt es seltsam. Warum liegt so etwas bei? Es ist kein Design-Element, kein technisches Zubehör. Der Gedanke dahinter ist einfach: Für den Fall der Fälle. Falls etwas passiert, soll schnell geholfen werden können. Und doch weiß ich: Rettungskräfte verlassen sich im Ernstfall nicht auf solche Aufkleber. Zu groß wäre das Risiko einer falschen Angabe. Zu unsicher die Quelle. Im Notfall wird die Blutgruppe immer neu bestimmt. Nicht, weil man misstrauisch ist – sondern weil es um Leben geht. Die Aufkleber sind gut gemeint. Aber sie geben keine letzte Sicherheit.Ist das nicht ein treffendes Bild für vieles in unserem Leben? Wir kleben uns im Leben gern eigene „Aufkleber“ auf: Status, Versicherungen, Titel, Sicherheiten – vielleicht auch religiöse Zeichen. Alles Dinge, die sagen sollen: Ich bin abgesichert. Ich bin geschützt. Doch wenn der Ernstfall kommt – Krankheit, Verlust, Schuld, Überforderung – zeigt sich schnell: Vieles, worauf wir uns verlassen haben, trägt nicht so weit wie gedacht. Unsere Sicherheiten sind hilfreich. Aber sie sind nicht heilsam. In den Psalmen findet sich oft der Gedanke, dass unsere menschlichen Sicherheiten begrenzt sind. Das für sich genommen ist ziemlich ernüchternd. Die Psalmen bleiben aber nicht dabeistehen. Dort heißt es: „Meine Hilfe kommt vom HERRN.“ (121,2; 124,8) Nicht mein Status, Versicherungen oder Titel geben mir Sicherheit, sondern Gott selbst. Diese kleinen Aufkleber verhindern keinen Sturz. Sie fangen keinen Unfall ab. Sie versprechen kein Heil. Aber sie erinnern mich: Ich bin verletzlich. Sie können mich daran erinnern, dass ich nicht alles im Leben bis ins Letzte unter Kontrolle haben kann. Und genau hier beginnt Vertrauen. Glaube bedeutet nicht, alle Risiken auszuschalten. Er bedeutet, anzuerkennen: Meine letzte Hilfe liegt nicht in meinen sichtbaren Sicherheiten, sondern in dem, der mich unsichtbar trägt. Rettungskräfte prüfen sorgfältig, bevor sie handeln. Sie verlassen sich nicht blind auf einen Aufkleber. Wie gut, dass Gott sich ebenfalls nicht auf unsere äußeren Kennzeichen verlässt. Er kennt uns tiefer. Er sieht nicht nur das, was wir nach außen tragen, sondern das, was uns wirklich ausmacht. Wenn es im Leben ernst wird, zählt nicht, welches Etikett wir tragen. Nicht, welches Image wir aufgebaut haben. Nicht, welche Rolle wir erfüllen. Dann zählt, wem wir vertrauen. „Meine Hilfe kommt vom HERRN.“ Das ist kein Aufkleber. Kein Accessoire. Kein Zusatz. Es ist ein Bekenntnis. Ein Fundament. Eine Richtung des Herzens.

Nach kurzem Nachdenken habe ich einen dieser kleinen Aufkleber auf mein Rennrad geklebt. 0-positiv. Ich habe noch mal extra in meinem Blutspenderpass nachgeschaut. Er soll mich daran erinnern, dass meine wahre Sicherheit nicht an einem Stück Folie hängt. Sie liegt bei dem, der Himmel und Erde gemacht hat. Und er kennt meine Wege – jeden einzelnen.

D. Behrens