Liebe Geschwister,
Vor kurzem hat meine elfjährige Tochter etwas getan, das mich tief berührt hat. Über viele Monate – eigentlich über Jahre – hat sie ihre Haare wachsen lassen. Immer wieder musste sie Geduld haben, weil die Haare manchmal beim Kämmen ziepten. Doch sie hatte ein Ziel: Sie wollte ihre Haare spenden. Als sie schließlich beim Friseur saß und der Zopf abgeschnitten wurde, war das ein besonderer Moment. Dieser Zopf wird nun gespendet, damit daraus eine Perücke für ein krebskrankes Kind gemacht werden kann. Ein Kind, das durch seine Krankheit vielleicht seine eigenen Haare verloren hat. Ein Kind, das sich vielleicht danach sehnt, wieder ein Stück Normalität zu spüren. Meine Tochter hat damit etwas sehr Wertvolles gegeben. Nicht Geld. Nicht etwas, das sie nicht mehr brauchte. Sie hat etwas von sich selbst gegeben.
In der Bibel sagt Jesus: „Geben ist seliger als Nehmen.“ (Apostelgeschichte 20,35). Wir hören diesen Satz oft, aber manchmal bleibt er abstrakt. Doch wenn man erlebt, wie jemand wirklich etwas von sich gibt, bekommt dieser Satz plötzlich ein Gesicht. Meine Tochter hat niemanden persönlich gekannt, der diese Perücke einmal tragen wird. Sie weiß nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen sein wird, wie alt dieses Kind ist oder wo es lebt. Aber sie wusste: Irgendwo gibt es ein Kind, das Hilfe braucht. Das erinnert mich an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Auch dort hilft ein Mensch einem anderen, obwohl er ihn nicht kennt. Er fragt nicht: „Was habe ich davon?“ oder „Ist das meine Aufgabe?“ Er sieht einfach einen Menschen in Not – und handelt. Manchmal denken wir, Nächstenliebe müsse etwas Großes sein. Etwas Spektakuläres. Doch oft beginnt sie mit kleinen, einfachen Entscheidungen. Ein Kind lässt seine Haare wachsen, um sie zu verschenken. Jemand nimmt sich Zeit, um zuzuhören. Jemand teilt sein Brot. Jemand spricht ein freundliches Wort. Gottes Reich wächst genau durch solche Dinge. Jesus selbst hat uns gezeigt, was es bedeutet, zu geben. Er hat nicht nur etwas abgegeben – er hat sich selbst gegeben. Sein Leben, seine Zeit, seine Kraft. Und schließlich sogar sein Leben am Kreuz. Wenn wir darüber nachdenken, merken wir: Jede echte Liebe kostet etwas. Sie verlangt Zeit, Geduld, manchmal auch Verzicht. Aber genau darin liegt ihre Kraft.
Als meine Tochter nach dem Friseurbesuch mit ihren kürzeren Haaren und einer neuen Frisur nach Hause kam, war sie weder traurig noch unsicher. Sie war einfach zufrieden. Es war diese stille Freude darüber, etwas Gutes getan zu haben. Vielleicht ist das ein kleiner Hinweis darauf, wie Gott sich unser Leben vorstellt. Ein Leben, in dem wir nicht nur fragen: „Was bekomme ich?“ sondern auch: „Was kann ich geben?“ Denn Gott hat jeden von uns mit etwas beschenkt. Mit Zeit. Mit Fähigkeiten. Mit Aufmerksamkeit. Mit Liebe. Und manchmal sind es gerade die Dinge, die uns selbstverständlich erscheinen, die für andere ein großes Geschenk sein können. Vielleicht ist die eigentliche Frage für uns heute nicht: „Kann ich etwas Großes tun?“ Sondern: „Was ist das, was Gott mir gegeben hat – und mit wem kann ich es teilen?“
D. Behrens


