Liebe Geschwister,
An einem Sonntagnachmittag im Jahr 2004 saß der Designer Dietmar Finger zu Hause an einem Entwurf für einen neuen Opel Corsa. Kein großes Prestigeprojekt, kein auffälliges Karosseriedetail – sondern die unscheinbare Außenwand des Handschuhfaches. Ein Bauteil, das die meiste Zeit im Dunkeln liegt, verdeckt von der geschlossenen Beifahrertür. Technisch notwendig waren Querrippen, die Stabilität geben sollten. Funktional. Nüchtern. Unspektakulär.
Mitten im Zeichnen kam sein Sohn vorbei, sah auf die Skizze und fragte: „Papa, warum zeichnest du nicht direkt einen Hai?“ Warum eigentlich nicht? Aus Streben für die Außenwand des Handschuhfachs wurde ein Haifischprofil. Am nächsten Tag zeigte Finger seine Idee dem damaligen Chefdesigner – und der kleine Hai ging in Serie. Seitdem versteckt sich in vielen Modellen der Marke ein kleiner Kunststoffhai – verborgen, unscheinbar, fast geheim.
Ich habe lange nach diesem Hai in meinem Opel Zafira gesucht. Und irgendwann habe ich ihn tatsächlich gefunden: auf der Rückseite der Gummimatte in der Mittelkonsolenablage. Kein Mensch sieht ihn dort. Man muss schon suchen. Aber er ist da. Was hat das mit Glauben zu tun? Der passende Bibelvers dazu steht im Lukasevangelium.
Jesus sagt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden.“ (Lukas 11,9) Jesus lädt uns ein, dass wir suchen. Dass wir entdecken. Dass wir hinschauen. Der Hai im Auto ist da. Aber er springt uns nicht ins Auge. Wer ihn finden will, muss neugierig sein. Muss genauer hinsehen. Muss vielleicht sogar bereit sein, etwas anzuheben, was sonst liegen bleibt. Ich finde, das ist eine geistliche Haltung. Glaube bedeutet nicht nur, auf das Offensichtliche zu starren. Glaube bedeutet suchen. Fragen. Entdecken wollen.
Gott hat seine Spuren in diese Welt gelegt – nicht immer laut und spektakulär, aber doch real. Die Schöpfung erzählt von ihm. Begegnungen können Hinweise sein. Bewahrungen im Rückblick. Türen, die sich öffnen oder schließen. Worte, die uns treffen. Manchmal sind es die unscheinbaren Details unseres Alltags, in denen wir Gottes Handschrift entdecken. Doch dazu braucht es Aufmerksamkeit. Wie oft fahren wir durch unsere Tage, ohne wirklich hinzusehen? Wie oft leben wir an kleinen Wundern vorbei, weil wir nur das Große erwarten? Vielleicht hat Gott längst Zeichen seiner Nähe in dein Leben hineingelegt – auf der „Rückseite der Gummimatte“, gut verborgen, aber da. Und noch etwas fällt mir auf: Der Hai entstand durch die Frage eines Kindes. „Warum nicht einen Hai?“
Kinder entdecken Dinge, die Erwachsene übersehen. Sie fragen, wo wir funktionieren. Sie staunen, wo wir analysieren. Jesus sagt einmal: „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15) Vielleicht gehört zum Finden auch diese kindliche Offenheit. Die Bereitschaft, überrascht zu werden. Die Freude an kleinen Entdeckungen. Als ich den Hai endlich fand, musste ich lächeln. Es war kein weltbewegender Moment. Aber es war ein schöner. Eine kleine Freude im Alltag. Eine Bestätigung: Da hat jemand mit Liebe zum Detail gearbeitet. Und genauso dürfen wir Gott erleben: nicht nur in den großen Durchbrüchen, sondern im liebevollen Detail. Im kleinen Hinweis. In der stillen Bestätigung. Im wiedergefundenen Mut. „Suchet, so werdet ihr finden.“ Das ist ein Versprechen. Nicht nur für große Lebensentscheidungen. Sondern auch für den Alltag. Wer sucht, wird entdecken, dass Gott da ist – manchmal verborgen, aber nie abwesend. Vielleicht ist heute der Tag, an dem du neu suchst. Nicht angestrengt. Nicht verkrampft. Sondern aufmerksam. Erwartungsvoll. Mit einem offenen Herzen. Und vielleicht findest du etwas, womit du gar nicht gerechnet hast. So etwas wie den kleinen Hai. Oder ein leises Zeichen. Eine Spur von Gottes Nähe.
D. Behrens


