Liebe Geschwister,
immer wenn ich in den letzten Monaten mein Portemonnaie öffnete musste ich daran denken, dass ich einen neuen Führerschein brauche. Aus einem Fach schaute die zerknitterte Ecke meines rosa Führerscheins heraus und erinnerte mich daran, dass ich dieses Jahr dran war den neuen EU-Führerschein zu beantragen. Meine Motivation war nicht besonders groß, aber nun wollte ich die Sache angehen. Also besorgte ich mir im Internet den Antrag, machte ein Passfoto und ging mit allem, was nötig war zur Führerscheinstelle. Insgeheim hoffte ich schnell dran zu kommen und nicht allzu viel Zeit mit Warten zu verbringen. Als ich dann den Warteraum betrat, war meine Hoffnung schnell dahin. Ungefähr fünfzehn Personen waren schon in dem Raum und warteten darauf, dass ihr Anliegen bearbeitet wird. Am liebsten wäre ich sofort wieder gegangen, aber da ich den neuen Führerschein in den nächsten Monaten brauchte, musste ich wohl dadurch. Also wartete ich neben der Eingangstür, der einzigen Stelle wo noch ein bisschen Platz war. Während ich warte, spüre ich die angespannte Stimmung. Keiner hat Lust lange zu warten, immer wieder wurde über die Situation geschimpft. Die Ursachen lagen für die Wartenden auf der Hand. Zu wenig Mitarbeiter, die dann auch noch zu langsam arbeiten und nicht kompetent sind, und überhaupt sind die Anträge zu kompliziert. Und weil man so schön am Meckern und Nörgeln war, wurde gleich alles angesprochen, was angeblich gerade schiefläuft in diesem Land. Ich finde, dass wir schon bessere Zeiten erlebt haben, und dass es auch angesprochen werden darf, wenn etwas nicht gut läuft. Aber das hier war mir zu viel. Dass ich warten musste, das war für mich in Ordnung. Aber so viel schlechte Stimmung brauchte ich nicht auch noch, zumal es nichts änderte. Die beiden Sachbearbeiterinnen taten mir leid. Den ganzen Tag, Woche für Woche in so einem Klima zu arbeiten stelle ich mir schwer vor. Während ich warte, kommt mir ein Bibelvers in den Sinn, an den ich in den letzten Wochen schon häufiger denken musste:
„Und nun, liebe Freunde, lasst mich zum Schluss noch etwas sagen: Konzentriert euch auf das, was wahr und anständig und gerecht ist. Denkt über das nach, was rein und liebenswert und bewunderungswürdig ist, über Dinge, die Auszeichnung und Lob verdienen.“ Philipperbrief 4,8
Ich finde diesen Gedanken von Paulus am Ende des Philipperbriefes wichtig. Wir alle wissen, dass in dieser Welt nicht alles rund läuft. Das fängt bei Kleinigkeiten wie langen Wartezeiten bei Behörden an, was aber noch nichts gegen die wirklichen Probleme in der Welt ist: Krankheiten, Kriege, Katastrophen. Aber bei alle dem ermutigt Paulus nicht zu vergessen, dass es in dieser Welt auch viel Gutes und Schönes gibt. Ich glaube, dass wir dieser Welt diesen dankbaren Blick auf das Gute von Gott brauchen um nicht zu verzweifeln oder zynisch zu werden, um uns nicht von einem einseitigen Pessimismus anstecken zu lassen. Endlich war ich an der Reihe. Ich versuche immer freundlich zu sein (gelingt leider nicht immer), aber in dem Moment versuchte ich besonders freundlich zu sein. Ich legte meinen Antrag vor, zusammen mit meinem alten Führerschein, dem Personalausweis und dem Passfoto. Nach fünf Minuten bin ich fertig. Als ich wieder im Auto sitze bin ich dankbar, dafür ein Auto zu haben. Dankbar so gesund zu sein, dass ich Auto fahren kann. Dankbar, dass ich im trockenen und warmen warten konnte.
D. Behrens


