Liebe Geschwister,
vor fast genau 20 Jahren schleppte ich eine Autobatterie mehrere Kilometer durch die Innenstand von Rotenburg an der Wümme. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Arme immer schwächer wurden und sich ein brennender Schmerz ausbreitete. Aber wie kam es dazu? Ich fuhr damals einen Mercedes 200D Baujahr 1971. An dem Auto gab es immer irgendwelche Kleinigkeiten, die kaputt waren. Zuletzt ein Regler, der für die Aufladung der Batterie zuständig war. Infolge dieses Defekts hatte auch die Batterie gelitten. „Du musst die Batterie tauschen, bevor du irgendwann das Auto nicht mehr starten kannst“, sagte ich mir immer wieder selber – tat es aber nicht. Ich habe es immer wieder aufgeschoben, weil ich keine Lust dazu hatte und weil ich auch anderes im Kopf hatte, meine Hochzeit zum Beispiel, die in einigen Tagen war.
Als ich dann einige Tage vor der Hochzeit beim Friseur war passierte es, ich wollte anschließend nach Hause fahren, aber das Auto sprang nicht mehr an. Ich habe mich in dem Moment so sehr über mich selber geärgert, dass ich die Batterie an Ort und Stelle ausbaute und mit ihr zu einem Geschäft für Autoteile ging, um eine Neue zu kaufen. Ein Plan, den ich schnell bereute. So eine Autobatterie ist nicht leicht, vor allem nicht, wenn man sie eine längere Strecke tragen muss. Aber ich war ja selbst schuld, weil ich etwas Unausweichliches ständig vor mir herschob.
Mir war das damals eine Lehre. Es gibt im Leben Dinge, die man unausweichlich angehen muss. Wenn ich sie aber länger vor mir herschiebe wird es aber nicht unbedingt leichter. Ganz im Gegenteil. Und ich denke da nicht nur an Defekte an Autos. Wir kennen das bestimmt alle: Manchmal kommt es zu Spannungen. Ein unbedachtes Wort, eine unfaire Bemerkung, ein Missverständnis – und schon ist die Harmonie gestört. Vielleicht ist es erst etwas Kleines. Aber wenn man es nicht anspricht, dann wächst es. Es gärt im Herzen. Man trägt es mit sich herum, und aus einem kleinen Stein wird schnell ein Berg.
Die Bibel ermutigt uns, solche Dinge nicht lange liegen zu lassen. Paulus schreibt im Epheserbrief:
„Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. Gebt dem Teufel keinen Raum.“ (Epheser 4,26–27)
Eigentlich wissen wir: Es wäre besser, Dinge gleich zu klären. Aber oft fällt uns das schwer. Wir wollen den Konflikt vermeiden. Wir hoffen, dass es sich von selbst erledigt. Oder wir sind verletzt und warten darauf, dass der andere den ersten Schritt macht. Doch die Erfahrung zeigt: Dinge, die wir nicht ansprechen, verschwinden nicht einfach. Im Gegenteil – sie setzen sich fest. Wir grübeln, wir tragen nach, wir ziehen uns zurück. Aus einer kleinen Unstimmigkeit kann eine große Mauer werden.
Paulus ist da sehr klar: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Das heißt: Schiebt die Klärung nicht auf. Wartet nicht Tage, Wochen oder gar Monate. Sprecht miteinander, solange es noch frisch ist. Denn wenn wir Dinge zu lange liegen lassen, dann bekommt „der Teufel Raum“, wie Paulus sagt. Das heißt: Die zerstörerische Kraft von Misstrauen, Bitterkeit und Entfremdung gewinnt Platz in unserem Herzen. Und das will Gott nicht. Gott will Frieden. Natürlich heißt das nicht: Alles sofort in der Hitze des Gefechts austragen. Manchmal braucht man ein paar Minuten, um sich zu beruhigen. Aber dann gilt: Nicht aufschieben. Lieber ein klärendes Gespräch am gleichen Tag, als tagelang Schweigen.
Jesus selbst sagt in der Bergpredigt: „Wenn du deine Gabe zum Altar bringst und dort einfällt dir, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“ (Matthäus 5,23f.). Das heißt: Für Gott ist Versöhnung wichtiger als alle religiösen Handlungen. Ihm liegt am Herzen, dass wir in Frieden miteinander leben. Und wenn wir ehrlich sind: Wir brauchen selbst die Vergebung Gottes. Jesus macht uns frei davon, immer Recht haben zu müssen. Er schenkt uns den Mut, den ersten Schritt zu tun. Vielleicht trägst du auch gerade etwas mit dir herum. Eine Spannung, einen Streit, ein unausgesprochenes Wort. Ich möchte dich ermutigen: Schieben Sie es nicht auf. Klären es. Spreche den anderen an. Mach noch heute den ersten Schritt. Es muss nicht perfekt sein. Es reicht, ehrlich zu sagen: „Das beschäftigt mich. Lass uns darüber mal reden..“
„Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ – Das ist keine Drohung, sondern ein liebevoller Rat. Gott weiß, wie schwer es uns fällt. Aber er will nicht, dass wir verbittert werden. Er will, dass wir frei sind. Frei zum Leben, frei zum Lieben, frei zum Staunen über seine Güte.
D. Behrens


