Die heil(ig)e Familie

Liebe Geschwister,

ich sitze morgens am Frühstückstisch. Neben mir kaut meine Tochter halbverschlafen ihr Müsli. So ganz wach ist sie noch nicht und dementsprechend wortkarg. Mir kommt das ganz gelegen, weil ich so in Ruhe meine Zeitung lesen kann. Als ich mit meiner Zeitung fertig bin, versuche ich ein Gespräch zu beginnen. „Nur noch zwölf Tage bis Weihnachten. Worauf freust du dich am meisten?“ Meine Tochter kaut weiter, aber ich merke, dass sie etwas sagen möchte. Also warte ich einen kurzen Moment. Was würdest du antworten? Worauf freust du dich an Weihnachten am meisten? Auf einen festlichen Gottesdienst? Auf das gute Essen? Geschenke? Oder dass bald wieder Normalität eintritt und Weihnachten vorbei ist? Das soll es ja auch geben. Als meine Tochter ihr Müsli runtergeschluckt hat, verrät sie mir, worauf sie sich am meisten freut: „Auf Oma und Opa.“ Mir gefiel die Antwort. Sie bringt zum Ausdruck, dass Weihnachten mehrere Aspekte bekommen hat. Neben dem eigentlichen Anlass, dass Gott als Mensch in diese Welt kommt, ist Weihnachten auch ein Fest der Liebe, des Friedens und eben auch ein Familienfest, an dem man sich auf Oma und Opa freut. Oft fragen wird in der Adventszeit gefragt, wie man das Weihnachtsfest verbringt. Und dann wird erzählt, wer dieses Jahr zu Besuch kommt oder wo man selber hinfährt und wie man die Feiertage verbringt. Manchmal ist die Planung einfach, wo und wie man die Feiertage verbringt. Manchmal wird es aber auch kompliziert, wenn man es nicht allen recht machen kann, wenn man nicht überall zu Besuch kommen kann. Manchmal ist die Frage, wie man das Weihnachtsfest verbringt, auch schmerzhaft, zum Beispiel wenn man einen geliebten Menschen verloren hat und das erste Mal ohne ihn Weihnachten feiert. Oder wenn eine Ehe in die Brüche gegangen ist. Oder wenn es Streit in der Familie gibt, man zwar zusammenkommt, aber eine gewisse Anspannung im Raum liegt. Über Weihnachten schwebt das Bild der heilen Familie, aber es wird auch immer wieder deutlich, dass es die heile Familie eigentlich gar nicht oder eher selten gibt. Ein Blick in die Bibel bestätigt das. Familiengeschichten, die alles andere sind als heil. Vom Brudermord bis zum Ehebruch ist alles dabei. Und dann Maria und Josef, die sogenannte Heilige Familie. Eine Vierzehnjährige, die schwanger wird und ein Verlobter, der sie in dieser Situation verlassen will, bis er durch einen Traum seine Meinung ändert. Dann sind sie alleine unterwegs, bringen das Kind in einem Stall zur Welt. Großeltern, Onkel oder Tanten sind nicht dabei. Was sie wohl von Marias plötzlicher Schwangerschaft gehalten haben? Entspricht das unserem Bild einer heilen Familie? Eher nicht. Aber sie sind die Heilige Familie. Was ist der Unterschied zwischen einer heilen und einer heiligen Familie? Maria und Josef haben sich ihre Rolle in der Geschichte Gottes mit dem Menschen nicht ausgesucht. Aber sie haben beide ihren ganz persönlichen Gottes-Moment, in dem sie ihren Weg annehmen. Maria, als sie zum Engel sagt: „Mir geschehe, wie du mir gesagt hast“, und Josef „tat, was der Engel im gesagt hatte“, als er aus seinem Traum aufwachte. Sie richten sich auf Gott aus und halten sich an ihm. Heilige sind keine perfekten oder vollkommen Menschen. Heilige sind Menschen, die wissen, dass sie zu Gott gehören, mit allem, was an ihnen selbst oder in ihrem Leben nicht perfekt oder vollkommen ist.

Ich wünsche Dir zu Weihnachten die Gewissheit, das Gott nicht in eine heile Welt gekommen ist. Gott ist in diese Welt gekommen, damit wir ihn erkennen und uns an ihn halten, auch mit unseren Verlusten, Konflikten und Lebensbrüchen.

D. Behrens

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