Die Sache hatte einen Haken …

Liebe Geschwister,

seit über dreißig Jahren bin ich Angler. Trotzdem kommt es immer mal wieder vor, dass ich mich selber fange, also dass mein Angelhaken irgendwo in meinem Finger landet. Als ich im Urlaub war, war es mal wieder so weit. Ich ging an einem schönen sonnigen Vormittag an die Ostsee und wollte mit dem Angeln beginnen, doch bevor ich loslegen konnte, war der Haken irgendwie in meinen Finger gelandet. In der Vergangenheit konnte ich Angelhaken immer so aus meinen Fingern herausziehen. Doch diesmal merkte ich schnell, dass der Haken tiefer steckte. Das Problem war also nicht mal eben zu lösen. Selbst der Widerhaken war nicht mehr zu sehen. Also machte ich den Haken von der Schnur los und ging zum Auto.  Auf den Weg dahin sprachen mich zwei andere Angler an und wollten mit mir etwas fachsimpeln. Ich hielt die Hand mit dem Haken etwas verdeckt und war im Gespräch kurz angebunden. Als ich beim Ferienhaus war, versuchten Kirsten und ich einen kleinen Schnitt in der Haut zu setzten, damit wir den Haken rausziehen konnten. Das brachte aber keinen Erfolg, der Haken saß zu tief. Ich versuchte es noch mal, indem ich kräftig am Haken zog, aber es tat sich nichts. Also blieb mir nichts anders übrig, als mich von Kirsten in ein dänisches Krankenhaus fahren zu lassen. Die Kinder mussten natürlich mit, waren aber zuerst nicht sonderlich erfreut, da sie gerade am Spielen waren. Also erklärten wir ihnen was los war und führen los. Im Krankenhaus angekommen konnte ich den Frauen am Empfang schnell deutlich machen, was mein Problem war. Ich musste nur meine Hand ausstrecken, so dass man den Haken sehen konnte, an dem auch noch der künstliche Köder baumelte. Als wir dastanden und uns den Weg zur Notaufnahme erklären ließen merkte ich, wie mein kleiner Sohn Moritz mich an die Hand nehmen wollte. Das war etwas schwierig, da er immer die Hand mit dem Haken ergreifen wollte. Also hielt ich ihm die andere Hand hin. So konnte er mich an die Hand nehmen. Irgendwann hatten wir dann die Notaufnahme gefunden. Was dann passierte ist schnell erzählt. Der Finger wurde betäubt, ich legte mich auf eine Liege und eine ältere dänische Krankenschwester entfernte den Haken. Das tat sie so souverän, dass ich vermute, dass sie das nicht zum ersten Mal gemacht hatte. Mit einem Pflaster konnte ich dann das Krankenhaus verlassen. Eigentlich wäre die Geschichte damit zu ende erzählt, aber zwei Tage später kam mein Sohn Moritz zu mir: „Papa, das mit deinem Finger tat mir leid.“ Mich hat das beeindruckt. Er hatte gemerkt, dass ich in einer Notsituation war und Hilfe brauchte. Er selbst konnte nichts tun. Aber das ich ins Krankhaus musste hat ihn bewegt und das wollte er mir noch mitteilen. Er hätte meckern können, weil er nicht weiterspielen konnte, weil er eine Stunde im Auto sitzen und in der Notaufnahme warten musste, aber er hatte nur Mitgefühl. Mitgefühl, Mitleid oder Erbarmen, wie auch immer man das nennen möchte, ist eine besondere Eigenschaft. Jesus wird zum Beispiel immer wieder als mitfühlend beschrieben. Wenn er Menschen in Not sah, dann hatte er Mitleid. Im Mitgefühl zeigt sich die Liebe zu einem Menschen, aber auch eine generelle Liebe zu den Menschen. Und da Gott uns Menschen liebt, ermutigt er uns, auch mitfühlend zu sein:  

„Da Gott euch erwählt hat, zu seinen Heiligen und Geliebten zu gehören, seid voll Mitleid und Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftheit und Geduld.“ Kol 3,12

Es ist immer leicht, wenn Menschen in Not sind nach Gründen zu suchen, warum sie in der Situation sind. Es ist leicht mit Schuldzuweisungen die Not anderer Menschen zu erklären. Natürlich ist es gut, nach den Ursachen zu schauen, aber in dem konkreten Moment hilft es niemanden, der in Not ist. Moritz hätte sagen können: „Papa, hättest du nicht besser aufpassen können?“ Damit hätte er ja auch recht gehabt, aber der Haken würde noch immer in meinem Finger stecken. Auch wenn Mitgefühl die Probleme nicht sofort löst, tut es doch gut zu wissen, dass da jemand an der Seite ist, so wie Moritz mich an die Hand nehmen wollte.

D. Behrens

GDPR Cookie Consent mit Real Cookie Banner