Die Wahrheit über saubere Gummistiefel

Liebe Geschwister,

in den letzten Wochen hatten viele Menschen mit Hochwasser zu kämpfen. Viele Flüsse waren bis zum Rand oder darüber hinaus gefüllt. Bei uns in Gandersheim ist es Gott sei Dank noch mal gut gegangen, in anderen Teilen Deutschlands war es dagegen wesentlich kritischer. In solchen Situationen passiert es dann auch immer, dass Politiker die betroffenen Regionen besuchen, so auch unser Bundeskanzler Olaf Scholz. Ob diese Besuche aus ehrlicher Anteilnahme geschehen oder ob es mehr um ein paar schöne Fotos für die Presse geht, möchte ich nicht beurteilen. Mich bewegte aber eine Geschichte, die sich nach Olaf Scholz Besuch in Sachsen-Anhalt ereignete, in dem kleinen Ort Berga. Im Internet wurde ein Video verbreitet, in dem man sah, wie Flüchtlinge nach Berga gefahren wurden, um Sandsäcke zu befüllen. Andere Helfer wurden weggeschickt. Außerdem sah man in dem Video die Flüchtlinge beim Essen, auffällig waren dabei ihre sauberen Gummistiefel. Dieses Video wurde dann von vielen Menschen verbreitet, auch von Politikern. Der Vorwurf: Die Flüchtlinge wurden extra zu dem Pressetermin herangeschafft, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Dafür mussten andere Helfer dem Ort weichen. Das die Geflüchteten gar nicht gearbeitet haben, sollten die sauberen Gummistiefel beweisen. Nachdem diese Geschichte sich im Internet verbreitet hatte, veröffentliche die Feuerwehr von Berga eine Stellungnahme über das, was wirklich passierte. Im benachbarten Landkreis Nordhausen sind Flüchtlinge verpflichtet, gemeinnützige Arbeit zu leisten. Deshalb bot der Landkreis Nordhausen an, die Menschen in Berga zu unterstützen, indem sie Flüchtlinge dorthin fahren. Das wurde vom Bürgermeister von Berga gerne angenommen. Als Olaf Scholz schon lange Berga verlassen hatte, kamen die Flüchtlinge in Berga an und andere Helfer konnten gehen, um sich auszuruhen. Die Flüchtlinge halfen gerne beim Befüllen der Sandsäcke mit, weil sie das Gefühl hatten, gebraucht zu werden. Als sie eine Pause machten, freuten sie sich besonders über den Kuchen. Vorher nutzen sie aber die Gummistiefel-Waschanlage, um ihre Stiefel zu reinigen. Eigentlich könnte die Geschichte jetzt zu Ende sein, da es ja eine Stellungnahme von ganz einfachen Menschen gab, die alles vor Ort miterlebt haben. Aber leider musste die Feuerwehr Berge für diese Stellungnahme so viele Beschimpfungen erdulden, dass sie die Stellungnahme erst mal wieder aus dem Internet entfernten.

Ich möchte jetzt nicht über die Flüchtlingspolitik, die Medien oder Politiker im Allgemeinen nachdenken. Mich bewegt, dass Menschen so in ihrer Meinung festgelegt sind, dass sie sich auch nicht von der Wahrheit haben umstimmen lassen, sondern auch noch die Menschen der freiwilligen Feuerwehr verbal angegriffen haben. In der Bibel wird im Alten Testament solch ein Verhalten sehr deutlich beschrieben: „Der Dumme hat kein Gefallen an der Wahrheit. Ihm geht es nur darum, seine Meinung zu sagen“ (Spr 18,2). Jetzt könnte ich einfach mit dem Finger auf andere zeigen, auf ihre Verbohrtheit, ihren Trotz und ihre Sturheit. Aber ich frage mich dann immer, wie es mit mir ist? Bin ich manchmal in meinen Standpunkten so festgelegt, dass ich nicht offen bin für eine andere Perspektive? Eine Perspektive, die vielleicht mehr der Wahrheit entspricht als meine Wahrnehmung? Ich denke da an zwischenmenschliche Konflikte. Wenn zwischen mir und jemand anderen Spannungen bestehen, ist mein erster Impuls immer, dass ich im Recht bin. Ich bin dann aber dankbar für die Momente, in denen Gott Gottes Geist mir liebevoll eine andere Perspektive eröffnet. Ich bin dankbar für Menschen, die mir helfen, meine Sichtweise und meinen Standpunkt zu hinterfragen. Ich finde es nicht schlimm, wenn man auch mal „auf dem Holzweg“ ist. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn in einem ersten Impuls anderen Menschen etwas unterstellt wird, was nicht der Wahrheit entspricht. Schlimm finde ich es nur, wenn man dabeibleibt. Davor möchte Gott dich bewahren, indem er uns immer wieder ermutigt, mal aus uns selbst herauszutreten um sich in den anderen hineinzudenken. 

D. Behrens

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