Editorial Mai-Juni 18

Vielleicht erinnern Sie sich noch: In der Grundschule sprachen die Lehrer und Lehrerinnen uns als Schüler mit einem „Du“ an. Doch dann begann irgendwann in der weiterführenden Schule eine neue Zeitrechnung: Aus dem „Du“ wurde plötzlich ein „Sie“. Etwas gewöhnungsbedürftig war es anfangs schon, doch bald gehörte es zum Alltag.

Diese Unterscheidung zwischen dem „Du“ und „Sie“ in der Anrede ist ein eigentümliches Merkmal der deutschen Sprache. Mag es in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern anders gehandhabt werden, in Deutschland gilt das unvereinbarte „Du“ als ausgesprochen unhöflich. Natürlich gibt es heute in unserer Sprache auch die berühmten Ausnahmen von der Regel: In manchen Vereinen, Parteien oder Arbeitsgruppen wird das „Du“ von alters her gepflegt. Ein Bestehen auf dem „Sie“ kann hier schnell als Arroganz ausgelegt werden. Und es gibt auch Zwischenlösungen. Die bekannteste ist vielleicht das „Hamburger Sie“: Hier nennt man den Vornamen und verbleibt doch beim „Sie“.

Doch wie ist eigentlich Gott anzusprechen? Bedenkt man, dass er der Schöpfer der Welt und meines Lebens ist, liegt eigentlich ein „Sie“ nahe. Denn zwischen ihm und mir ist ja doch ein beträchtlicher Unterschied. Schaut man allerdings in die Bibel, findet sich an keiner Stelle das distanzierte „Sie“ als Anrede. Im Gegenteil: Immer wieder lädt die Bibel uns ein, mit Gott per Du zu sprechen. Und so geschieht es ja auch in allen christlichen Gottesdiensten: In den Liedern und Gebeten werden Gott der Vater und sein Sohn Jesus Christus durchgängig mit dem vertraulichen „Du“ angeredet. Hier merkt man: Gott legt Wert auf eine vertrauliche Beziehung zwischen sich und dem, der zu ihm spricht.

Eine verkünstelte Anrede interessiert ihn nicht; er freut sich, wenn wir uns ihm mit Vertrauen zuwenden. Darum dürfen wir zu Gott wie zu unserem guten Vater und zu Christus als unserem besten Freund sprechen. „Mit Gott per du“ – das ist ein Markenzeichen des christlichen Glaubens.

Arndt Schnepper