Editorial September-Oktober 18

Sechs Männer kamen am 22. November 1854 in Wuppertal zusammen. Durch ihre persönliche Unterschrift erklärten sie sich zu Mitgliedern der neu gegründeten „Freien evangelischen Gemeinde“. Es war die erste Gemeinde dieser Art in Deutschland. Die Männer sind junge Unternehmer. Doch sie wollen nicht nur wirtschaftlich etwas bewegen. Sie sind überzeugt, dass es auch unter den Christen zu einem Umdenken kommen muss.

Darum treten sie aus der Reformierten Kirche aus und gründen eine Freikirche. Leiter dieser jungen Gemeinde ist der Kaufmann Hermann Heinrich Grafe. Er wird am 3. Februar 1818 in einem Dorf nahe Osnabrück geboren. Während seiner Ausbildung reist er für zwei Jahre ins französische Lyon, um sich Kenntnisse in der Fabrikation von Seidenstoffen anzueignen. Danach will er in Wuppertal eine Seidenfabrik eröffnen.

In Lyon lernt Grafe die von dem bedeutenden Erweckungsprediger Adolphe Monod gegründete „Freie evangelische Gemeinde“ kennen. Besonders das diakonische Engagement der Gemeinde für die Armen beeindruckt ihn. Es ist verbunden mit einer vorbildlichen Sonntagsschularbeit, in der viele Kinder einen ersten Bildungszugang erhalten. Und es überzeugt ihn die konsequente Unterscheidung von „Bekehrten“, d. h. bekennenden Christen, und „Unbekehrten“, also den vielen „Namenschristen“, die wohl als Kind „getauft“ sind, deren Leben davon aber nichts widerspiegelt.

Die Einheit der verschiedenen Mitglieder in der Gemeinde fasziniert ihn. Grafe entdeckt in der Lyoner Gemeinde eine Gemeindeform, die der Bibel und dem modernen Menschen entspricht. Er schließt sich dieser Gemeinde an und wird später in Wuppertal zum Gründer einer ebensolchen Gemeinde.

Heute gibt es in Deutschland rund 470 Freie evangelische Gemeinden mit etwa 40.000 Mitgliedern. Sein Mut, etwas Neues zu wagen, ist heute noch beeindruckend. Er schrieb einmal: „Als wenn das, was ist, darüber entscheiden dürfte, was sein soll.“ So sehr Grafe für das freikirchliche Modell eintrat, so wenig zog er ängstlich Grenzen zwischen den Christen und ihren Gemeinden. Für Grafe waren Glaube und Liebe das Entscheidende, was Christen aus allen Kirchen miteinander verbindet: „Wo wir das Feuer der Liebe Christi empfinden, da fragen wir nicht lange, auf welchem Herd es brennt.“

Arndt Schnepper