Liebe Geschwister,
Vor einiger Zeit stand ich wieder an meinem gewohnten Angelplatz an der Leine bei Greene. Die Luft war still, das Wasser ruhig, und mein Blick fiel wie so oft auf einen mächtigen Baum am Ufer. Der Stamm war dick, uralt, fest verwurzelt im Boden. Doch das eigentlich Erstaunliche war nicht der Baum selbst, sondern das Werk, das sich an seinem Fuß zeigte: Ein Biber war dabei, ihn zu fällen. Schon seit Monaten beobachte ich, wie er sich langsam, aber stetig durcharbeitet. Die Spuren seiner Zähne sind unübersehbar – frisches, helles Holz, ringsum mit feinen Spänen bedeckt. Ich frage mich jedes Mal aufs Neue: Wie will dieses kleine Tier nur diesen gewaltigen Baum zu Fall bringen? Und doch macht der Biber weiter. Nacht für Nacht, Biss für Biss, unbeirrt. Dieses Bild hat sich mir tief eingeprägt. Denn es erinnert mich an die großen Aufgaben, vor denen wir Menschen manchmal stehen. Jeder von uns kennt Situationen, in denen etwas einfach zu groß scheint. Eine Krise, die unsere Kräfte übersteigt. Ein Auftrag Gottes, der uns zu schwer vorkommt. Eine Veränderung, die wir uns nicht zutrauen. Vielleicht auch ein Gebet, das wir schon lange beten – und noch keine Antwort sehen. In solchen Momenten fühlen wir uns klein – so wie der Biber vor seinem Baum. Wir sehen das, was nicht möglich scheint. Wir spüren unsere Grenzen, unsere Müdigkeit, unsere Zweifel. Und doch lädt Gott uns ein, genau dann weiterzumachen. Nicht mit eigener Kraft, sondern mit seiner. Paulus schreibt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht: Christus.“ Philipperbrief 4,13. Dieser Satz ist keine billige Durchhalteparole. Paulus schreibt ihn aus Erfahrung – er kannte Gefangenschaft, Schwäche, Not. Er wusste, dass Gottes Kraft gerade dann sichtbar wird, wenn unsere eigene nicht mehr reicht. Der Biber arbeitet nicht in Hast. Er überlegt nicht, ob sich die Mühe lohnt. Er folgt seiner Bestimmung – konsequent, geduldig, Schritt für Schritt. Und irgendwann – vielleicht in einer stillen Nacht, wenn niemand zuschaut – fällt der Baum. Die große Aufgabe ist vollbracht, nicht durch Gewalt, sondern durch Ausdauer und Beständigkeit. So wirkt Gott auch in unserem Leben. Er ruft uns nicht dazu, alles auf einmal zu schaffen. Er bittet uns, treu zu sein im Kleinen – im Vertrauen, im Gebet, in der Liebe. Jeder „Biss“ zählt. Jede kleine Handlung, jeder Schritt im Glauben formt etwas Dauerhaftes. Und während wir glauben, dass sich kaum etwas bewegt, arbeitet Gott im Verborgenen. Seine Kraft wirkt in unserer Treue. Seine Pläne wachsen, auch wenn wir sie noch nicht sehen. Darum dürfen wir zuversichtlich sein – auch angesichts großer Aufgaben. Denn: „Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“ (Philipper 1,6) So wie der Biber unbeirrt seinem Werk folgt, dürfen auch wir darauf vertrauen, dass Gott das Unmögliche möglich macht – Stück für Stück, Schritt für Schritt, Tag für Tag.
D. Behrens


