Liebe Geschwister,

Die Wolken sind grau. Der Regen prasselt gegen die Fensterscheiben. An den Bäumen sehe ich, dass es ordentlich weht. Ich bin im Urlaub und sitze im Ferienhaus neben dem Kamin. Den ganzen Tag waren wir als Familie in der nächstgelegenen Stadt unterwegs – Museumsbesuch, Shopping und so weiter. Eigentlich wollte ich noch ein bisschen angeln gehen, wenn wir wieder zurück sind. Aber jetzt ist es auch ganz angenehm, im Sessel zu sitzen – vor allem bei dem Wetter draußen.

Ich ringe mit mir selbst: Soll ich wirklich noch rausgehen? Werde ich überhaupt etwas fangen? Irgendwann überwinde ich meinen inneren Schweinehund und beginne, mich warm anzuziehen. Ich ziehe meine Wathose an, gehe über die Wiese vor dem Ferienhaus, und wenige Augenblicke später stehe ich bis zur Hüfte in der Ostsee und versuche, eine Forelle zu fangen.

Mittlerweile hat sich das Wetter ein wenig beruhigt. Es regnet nicht mehr so stark, und der Wind hat sich gelegt. Vereinzelt brechen Sonnenstrahlen durch die Wolken und lassen die Landschaft immer wieder in neuem Licht erstrahlen. Ich spüre das Wasser, die frische Luft und freue mich, dass ich nicht im Haus geblieben bin. Gefangen habe ich tatsächlich etwas – aber das war gar nicht mehr so wichtig. Gesegnet gefühlt habe ich mich schon vorher.

Im Nachhinein musste ich an die Geschichte denken, in der Petrus über das Wasser ging (Mt 14,22ff). Auch bei ihm war starker Wind. Die Wellen schlugen gegen das Boot, und mitten in dieser unruhigen Nacht sehen er und die anderen Jünger plötzlich Jesus auf dem Wasser gehen. Zuerst erschrecken sie – sie halten ihn für ein Gespenst. Doch Jesus ruft ihnen zu:

„Habt keine Angst! Ich bin es.“ Da meldet sich Petrus: „Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!“ Und tatsächlich – Jesus ruft ihn. Petrus steigt aus dem Boot und geht los. Ein paar Schritte gelingen ihm – er geht wirklich auf dem Wasser. Aber als er auf den Wind schaut, bekommt er Angst. Er beginnt zu sinken und ruft: „Herr, rette mich!“ Sofort streckt Jesus ihm die Hand entgegen und hilft ihm.

Natürlich ist es ein großer Unterschied, ob man wie Petrus bei Sturm über das Wasser geht – oder wie ich bei Wind und Regen durchs Wasser watet. Aber auch ich hatte gezögert. Es war bequemer, im Warmen zu bleiben – sicher und trocken. Doch dann wäre mir dieser gesegnete Moment entgangen. Glaube bedeutet manchmal, das Haus zu verlassen, obwohl der Himmel grau ist. Es bedeutet, sich hinauszuwagen auf unsicheren Grund – nicht, weil man sicher weiß, dass alles gut geht, sondern weil man darauf vertraut, dass Gott da ist, mitten im Wind und in den Wellen.

Das Besondere an der Geschichte von Petrus ist nicht, dass er einen Moment über das Wasser gehen konnte. Das Wunder liegt darin, dass er diesen Schritt ins Ungewisse gewagt hat – und dass Jesus ihn aufgefangen hat, als er zu sinken begann. Gott ruft uns immer wieder, aus unseren bequemen Booten zu steigen – aus den sicheren, warmen Orten unseres Alltags. Und gerade dann erleben wir seinen Segen, wenn wir uns trauen, den ersten Schritt zu tun.

D. Behrens