Liebe Geschwister,
Ich sitze vor dem Fernseher und drücke auf die Fernbedienung. Nichts passiert. Es hatte sich schon angedeutet, dass die Fernbedienung nicht mehr so richtig funktioniert. Wenn ich weiterschalten wollte, tat sich erstmal nichts, dann wurden aber gleich mehrere Sender übersprungen. Wenn ich etwas lauter schalten wollte, passierte erst auch nichts, dann aber wurde es richtig laut. Aber jetzt machte sie gar nichts mehr. Also installiere ich mir eine App auf meinem Handy, mit der ich den Fernseher umschalten kann, bis ich einen Ersatz habe. Schön, dass so etwas möglich ist. Während ich an meinem Handy zugange bin, liegt mein Sohn neben mir auf dem Sofa. „Cool, dass du den Fernseher mit dem Handy steuern kannst.“ Ja, wirklich cool. Ich sage zu ihm: „Als ich so alt war wie du, da hatten wir noch keine Fernbedienung. Wenn man umschalten wollte, dann musste man zum Fernseher hingehen und einen Knopf drücken.“ Als ich das ungläubige Staunen in seinen Augen sah, erzählte ich weiter: „Das musste man aber nicht so oft, weil es nur drei Programme gab.“ Wieder sehe ich, wie er sich Gedanken macht. Dann platzt es aus ihm heraus: „Papa, immer wenn ich so etwas höre, bin ich dankbar, dass ich nicht in der Steinzeit lebe.“ Meinte er damit gerade mich?Ich musste lachen. Und gleichzeitig blieb dieser Satz in mir hängen. Dankbar, nicht in der Steinzeit zu leben. Natürlich weiß mein Sohn, dass wir nicht wirklich in der Steinzeit gelebt haben. Aber er hat etwas sehr Treffendes ausgesprochen: Dankbarkeit entsteht oft dann, wenn wir vergleichen. Wenn wir merken, dass das, was für uns normal ist, gar nicht selbstverständlich ist. Wie schnell vergessen wir das. Wir drücken auf Knöpfe, wischen über Bildschirme, drehen den Wasserhahn auf, schalten das Licht an und beschweren uns, wenn es nicht sofort funktioniert. Wir leben in einer Zeit, in der vieles verfügbar ist. Und gerade, weil so vieles verfügbar ist, verlieren wir manchmal den Blick dafür, wie gut es uns eigentlich geht. In der Bibel begegnet uns Dankbarkeit nicht als Gefühl, das zufällig auftaucht, sondern als Haltung, die wir einüben dürfen. Paulus schreibt im 1. Thessalonicherbrief: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ Nicht für alles sollen wir dankbar sein, aber in allem. Auch dann, wenn die Fernbedienung kaputt ist. Auch dann, wenn Dinge nicht so laufen, wie wir es uns wünschen. Dankbarkeit ist kein Schönreden der Realität, sondern ein bewusster Blick auf das, was trotz allem da ist. Vielleicht ist Dankbarkeit wie eine innere Fernbedienung. Wir können wählen, worauf wir unseren Fokus richten. Auf das, was fehlt. Oder auf das, was geschenkt ist. Auf das, was uns ärgert. Oder auf das, was uns trägt. Auf das, was wir nicht haben. Oder auf das, was Gott uns anvertraut hat. Jesus selbst lebt uns diese Haltung vor. Immer wieder lesen wir, dass er dankt, bevor er teilt. Bevor er die Brote bricht, dankt er. Bevor er Lazarus aus dem Grab ruft, dankt er. Dankbarkeit ist bei ihm kein Nachklang, sondern ein Anfang. Sie öffnet den Raum für das, was Gott tun will. Vielleicht ist das ein guter Impuls für unseren Alltag: den Dank nicht ans Ende zu schieben, sondern an den Anfang. Den Tag mit Dank zu beginnen. Das Gebet nicht nur mit Bitten zu füllen, sondern mit Lob. Den Blick zu schärfen für die kleinen Dinge: ein funktionierendes Handy, ein warmes Zuhause, Menschen an unserer Seite, ein Wort aus der Bibel, das uns trifft. Und vielleicht dürfen wir dann sogar über uns selbst schmunzeln, wenn uns jemand – ganz unabsichtlich – daran erinnert, wie gut wir es haben. Mein Sohn hat mir an diesem Abend eine kleine Predigt gehalten. Und ich habe gemerkt: Dankbarkeit ist manchmal ganz einfach. Sie beginnt mit Staunen. Und endet mit einem stillen „Danke, Gott, dass ich heute leben darf – genau hier, genau jetzt.“
D. Behrens


