Liebe Geschwister,

Seit mehreren Tagen liege ich krank im Bett. Fieber, Schwere im Kopf, ein Körper, der einfach nicht mehr will. Meine Frau ist mit unserer Tochter auf einem Flohmarkt unterwegs, das Haus ist ruhig. Während ich so daliege, öffnet sich leise die Tür. Mein kleiner Sohn kommt herein. Er selbst ist auch krank, eigentlich müsste er sich ausruhen. Doch er setzt sich zu mir und sagt mit ernster Stimme: „Mama hat gesagt, dass es dir ziemlich schlecht geht. Wenn du irgendetwas brauchst, dann sag Bescheid. Ich bin für dich da.“ Dieser Satz trifft mich tief. Nicht nur, weil er so liebevoll ist, sondern weil er von jemandem kommt, der selbst schwach ist. Er hat kein Übermaß an Kraft, keine Reserven. Und trotzdem ist sein Impuls nicht Rückzug, sondern Zuwendung. Nicht: Ich kann gerade nicht, sondern: Ich bin für dich da. In diesem Moment wird mir etwas ganz Grundlegendes über Gottes Wesen klar. Die Bibel beschreibt Gott nicht als einen fernen Beobachter, sondern als einen, der unsere Schwachheit kennt. Einen Gott, der sich nicht abwendet, wenn wir am Boden liegen, sondern uns gerade dort begegnet. Der Prophet Jesaja sagt: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ (Jes 42,3) Gott sieht das Schwache – und schützt es. Noch mehr: In Jesus begegnet uns ein Gott, der selbst schwach wird. Der Krankheit, Schmerz, Müdigkeit und Angst kennt. Der nicht aus sicherer Distanz hilft, sondern mitten hineingeht. Am Kreuz zeigt sich diese paradoxe Wahrheit: Gottes größte Nähe zeigt sich nicht in Stärke, sondern in Hingabe. Paulus schreibt später: „Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2Kor 12,9) Mein Sohn hat das nicht theologisch reflektiert. Er hat einfach gehandelt. Vielleicht ist genau das gelebter Glaube: Da sein, obwohl es etwas kostet. Lieben, obwohl man selbst nicht viel zu geben hat. Nähe schenken, nicht aus Überfluss, sondern aus Mitgefühl. Diese kurze Begegnung im Schlafzimmer wird für mich mal wieder zu einer stillen Predigt. Gott kommt oft leise. In kleinen Sätzen. In unerwarteten Menschen. Manchmal in der Stimme eines kranken Kindes, das sagt: „Ich bin für dich da.“

Vielleicht bist du selbst gerade krank, müde oder innerlich erschöpft. Dann darfst du diese Zusage hören –ganz persönlich: Gott ist für dich da. Nicht erst, wenn du wieder stark bist. Sondern genau jetzt. Und vielleicht bist du selbst jemand, der sich schwach fühlt, aber trotzdem gerufen ist, für einen anderen da zu sein. Manchmal wird gerade darin Gottes Liebe sichtbar.

D. Behrens