Ich habe es versucht

Liebe Geschwister,

vor fast genau dreißig Jahren ging ein Schiff im Mittelmeer unter. An sich nichts Ungewöhnliches. Es kommt immer wieder vor, dass Schiffe in Unwettern sinken. Dieses Schiff ging aber nicht in einem Sturm unter, sondern wurde mit Absicht versenkt. Am 28.November 1993 versenkte Abie (Abraham) Nathan sein Schiff im Mittelmeer, auf dem er zwanzig Jahre lang eine Radiostation betrieb. Er sendete rund um die Uhr ein Programm, das größtenteils aus Musik bestand, aber auch für Frieden und Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern warb. Mit dem Osloer Friedensabkommen 1993 dachte man, dass das Schiff nicht mehr gebraucht werde, weil es nun Frieden zwischen Israelis und Palästinensern geben wird. Die Hörerzahlen gingen zurück und damit auch die Werbeeinnahmen, mit denen Abie Nathan sein Schiff finanzierte. Er suchte sich neue Betätigungsfelder, um Menschen zu helfen und sich für Frieden einzusetzen. 2008 starb er in einem Pflegeheim in Tel Aviv. Bevor er sich für Frieden einsetzte, war er Soldat. Er vertrat den Standpunkt, dass sich jeder Mensch ändern kann und dass auch ein einzelner Mensch nicht machtlos sei und viel bewirken kann. Auf seinem Grabstein steht die Inschrift: „Ich habe es versucht.“

Wenn ich sehe, was in den letzten Wochen in Israel und im Gaza-Streifen passiert ist, dann denke ich mir, dass das Schiff hätte weitersenden müssen. Die Menschen dort sind noch weit entfernt von dem, was wirklicher Frieden ist. Die Gewalt, der Tod und das Leid sind der Nährboden für Hass in den Herzen über Generationen hinweg. Konflikte können Jahrzehnte überdauern. Ich denke da nicht nur an die Konflikte zwischen Völkern, sondern auch an Streit und Unfrieden zwischen Menschen. Auch das kann Jahre überdauern. Unfrieden gibt es im Kleinen und Großen.

In wenigen Wochen ist Weihnachten und in den Gottesdiensten wird dann die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vorgelesen. Die himmlischen Heerscharen singen dort bei den Hirten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.“ (Lk 2,14) Wie geht es dir damit, wenn die Engel vom Frieden auf Erden singen? Ist das für dich ein schöner Wunsch, der sich aber nie erfüllen wird? Eine Utopie? Erlebst du vielleicht gerade selber Unfrieden in deinem nächsten Umfeld? Bist du selber davon betroffen? Oder der versprochene Frieden eine tragende Hoffnung? Ich glaube, dass es echten und anhaltenden Frieden nur durch Gott geben kann. Dazu ist Gott den Menschen nahegekommen. Friede geschieht nicht einfach durch Verträge oder Abkommen. Friede geschieht nicht, indem man etwas totschweigt oder verdrängt. Friede geschieht durch Vergebung. Zugegeben, Menschen vergeben nicht immer. Das macht die Sache schwierig. Was mache ich dann, wenn ich an anderen schuldig geworden bin, mir aber nicht vergeben wird? Ist Frieden dann unmöglich?  Da, wo Menschen mir nicht vergeben können oder wollen, da kann ich von Gott her Vergebung erleben. Dadurch bin ich frei von der Last der Schuld und kann auf Versöhnung und Frieden hinleben. Das wird nicht immer gelingen, leider. Aber ich kann wie Abie Nathan sagen: „Ich habe es versucht.“ Wo es aber gelingt, da wird ein Stückchen mehr Frieden auf Erden sein und das Himmelreich anbrechen.

D. Behrens

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