Keiner meldet sich!

„Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“ heißt es einem Lied. Früher konnte es vielleicht sein, dass man gerade nicht zu Hause war, als ein Anruf kam. Aber schon länger gibt es Anrufbeantworter und die Telefone zeigen einem ziemlich genau an, wann und wer angerufen hat.

Da kann es dann schon mal sein, dass man resigniert feststellen muss, dass niemand angerufen hat. Man fragt sich dann , wie es denn um die christliche Gemeinschaft bestellt ist, wenn sich niemand von den Glaubensgeschwistern bei einem meldet. „Niemand interessiert sich für mich“, ist dann ein Gedanke, der schnell aufkommen kann.

Ganz nüchtern und realistisch betrachtet kann es natürlich sein, dass Gleichgültigkeit ein Grund ist, warum sich andere nicht bei mir melden. Einerseits erwarte ich das aber nicht, dass sich Menschen, mit denen ich vor Jahren vielleicht mal eine flüchtige Begegnung hatte, dass die sich bei mir melden.

Andererseits finde ich es schon wichtig, dass wir in unserer Gemeinde einander nicht gleichgültig sind. Im Hebräerbrief heißt es, dass wir aufeinander achten sollen. (Heb10,24). Dazu muss ich ja aber wissen wie es dem Anderen geht. Die Person darf mir nicht Gleichgültig sein. Ich gebe zu, ich habe das mitunter auch schon gedacht: “Ich bin den anderen Gleichgültig.“ Mit der Zeit ist mir aber bewusst geworden, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Gründe geben kann, warum sich ein Mensch nicht bei mir meldet: Manchmal haben Menschen keine Zeit sich zu melden. Der Tag ist so voll und es fehlt dann der nötige Freiraum, um mal zum Telefon zu greifen.

Ein Einwand könnte lauten: „Wenn einem das wirklich wichtig ist, dann nimmt man sich die Zeit.“ Das ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber ich kenne selber Situationen, wo ich mir für ein Telefonat Zeit nehmen möchte, und es dann doch vergesse. Vergessen sich zu melden hat weniger etwas mit Gleichgültigkeit zu tun, sondern mit dem Umstand, dass wir Menschen auch einfach mehr oder weniger vergesslich sind.

Manchmal kommt es auch vor, dass uns etwas im Leben so sehr gedanklich beschäftigt und uns Gedanken so sehr vereinnahmen, dass es uns schwer fällt, an andere zu denken. Ein weiterer Grund ist, dass Menschen mitunter denken, zu stören. Sie würden sich gerne bei einer anderen Person melden, mal mit ihr telefonieren oder verabreden. Aber sie denken, dass die andere Person viel zu tun hat, und man ihr damit Zeit rauben würde.

Wenn ich angerufen werde, kommt oft der Satz: „Ich will dich aber nicht lange aufhalten.“ Da würde ich mir wünschen, dass wir weniger denken, dass wir anderen die Zeit stehlen, sondern dass wir jemandem einen Moment der Gemeinschaft schenken.

Ähnlich gelagert, aber noch etwas tiefgehender ist es, wenn Menschen sich nicht melden, weil sie denken, dass die andere Person sie nicht mag. Wer denkt: „Keiner mag mich“, wird sich schwer bei anderen melden, weil die Angst vor Zurückweisung da ist. Es gibt noch viele weitere Gründe, warum sich jemand nicht meldet. Das kann ein unterschiedlicher Lebensrhythmus sein, und manche telefonieren auch einfach nicht gerne.

Ich glaube, es ist viel gewonnen, wenn wir uns weniger fragen warum sich jemand nicht bei mir meldet, und mehr fragen, bei wem wir uns mal melden könnten. Das müssen ja nicht die sein, zu denen wir immer Kontakt haben. Das kann ja auch mal jemand sein, bei dem wir uns noch nie gemeldet haben.

Daniel Behrens

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