Liebe Geschwister,
hast du einen Lieblingsplatz in der Natur? Wenn ich mal einen längeren Spaziergang mache, komme ich auf meiner gewohnten Runde immer an einen Ort, der für mich momentan zu meinem Lieblingsplatz geworden ist. Was ist das Besondere an diesem Ort? Nichts. Für mich ist dieser Ort so besonders, weil es dort nichts gibt. Keine Bäume, keine Häuser und auch alle Hügel sind einigermaßen weit entfernt. Das macht diesen Ort für mich so besonders, weil ich von dort weit in alle Richtungen schauen kann. Ich liebe diesen Weitblick und das damit verbundene Gefühl von Freiheit.
Ich muss dann auch immer an Psalm 31,9 denken: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ In der Regel bleibe ich dann immer einen Augenblick stehen, schaue auf die Dörfer und Straßen, die ich von dort sehen kann, und genieße die Ruhe. In den letzten Tagen bin ich aber immer nur kurz stehen geblieben. Warum? Weil ein Landwirt genau an meinen Lieblingsplatz einen riesigen Haufen Mist abgeladen hat. Genau an dem Ort, wie ich die Ruhe und Stille genießen möchte, wo ich ins Nachdenken komme und besinnliche Momente erlebe, stinkt es überaus unangenehm.
Ich könnte mich jetzt fragen, was sich der Bauer dabei gedacht hat, seinen Mist an meinen Lieblingsplatz abzuladen. Aber die Antwort kenne ich selber. Er hat sich nichts dabei gedacht, denn es ist sein Feld und er weiß ja auch nichts davon, was mir dieser Ort bedeutet. Und selbst wenn, hätte er ihn wohl trotzdem dort abgeladen.
Als ich in den letzten Tagen trotzdem mal etwas länger dort stehen geblieben bin und den Geruch etwas länger aushalten konnte, kam ich ins Nachdenken. Mitunter geht es uns im Leben ja nicht anders. Alles läuft gut, und dann passiert etwas, das wie ein stinkender Haufen Mist ist. Es stört, man will es nicht, es sollte nicht da sein. Das können Kleinigkeiten sein. Man freut sich auf ein paar freie Tage und dann kommt irgendein unangenehmer Termin dazwischen. Das kann ein Streit sein, der das ansonsten harmonische Miteinander stört. Das können Krankheiten sein. Während ich so dastehe denke ich mir, dass der Mist, der mich stört und stinkt ja mal auf die Felder verteilt wird. Er trägt mit dazu bei, dass die Pflanzen besser wachsen. Vielleicht werde ich einmal ein Brot essen aus dem Getreide, das dort gewachsen ist oder Honig aus dem Nektar der Rapsblüten, die dort irgendwann einmal blühen werden.
Ich denke an Rö 8,28: „Das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, was geschieht, zum Guten.“ Aus allem was geschieht, das meint auch den Mist, der im Leben passiert, kann Gott etwas Gutes wachsen lassen. Gott kann aus dem Unangenehmen, dem Störenden, selbst aus Leiderfahrungen und wenn Menschen gegen Gottes Willen handeln etwas Gutes entstehen lassen. Mitunter ist das kaum zu glauben. Vor allem, wenn man in einer Herausfordernden Situation drinnen steckt. Im Rückblick erkennt man dann aber oft Gottes Trost, sein Tragen und seine helfenden Hände, die durch andere Menschen zu einem gekommen sind.
D. Behrens



