Mittelmäßige Erdbeeren

Liebe Geschwister,

ich bin mit meiner Familie bei einem Erdbeerfeld. Meine Frau möchte ein paar Kilo Erdbeermarmelade machen. Als der nette, ältere Herr im Verkaufsstand unsere leere Schüssel abwiegt, gibt er uns noch einen Tipp. „Gehen sie nach ganz hinten, da sind ganz dicke Erdbeeren, das hat mir eine Frau vorhin gesagt, die ganz bis nach hinten gegangen ist.“ Vom Stand gehen wir weiter zum Erdbeerfeld. Am Anfang des Feldes sieht es wirklich schon sehr mager aus. Kaum noch Früchte und die, die noch an den Pflanzen sind, möchte man nicht pflücken. So gehen wir weiter zum hinteren Bereich des Feldes. Mittlerweile hängen mehr und mehr Erdbeeren an den Pflanzen. Meine Kinder trotten mit ihren kleinen Schlüsseln hinter mir her. Auf einmal ruft eines der beiden Kinder voller Begeisterung: „Ich habe eine Erdbeere gefunden.“ Ich denke mir: „Ach, oh Wunder, und das auf einem Erdbeerfeld.“ Aber ich schiebe meinen ironischen Gedanken beiseite, als ich merke was, gemeint war. Ein große Erdbeere war gemeint. Wir sind an Kilos von Erdbeeren vorbeigegangen, die aber alle klein waren, oder mittelgroß. Alles nur, um zu den Großen am Ende des Feldes zu gelangen. Ich denke mir: „Warum eigentlich?“ Ich bleibe stehen und fange an zu pflücken. Nicht am Ende des Feldes, sondern in der Mitte, bei den normalen Erdbeeren. Während des Pflückens denke ich nach. Warum müssen es eigentlich so oft die Superlative in unserem Leben sein? Die dicksten Erdbeeren, die schnellsten Autos, die größten Fernseher, die weiteste Reise, die kleinsten Handys (wobei die ja wieder größer werden). In einer Welt, in der alles immer größer, schneller, weiter sein muss, lerne ich das Mittelmaß immer mehr zu lieben.
Im Alten Testament sind uns die Worte eines Mannes überliefert, von dem wir sonst nicht viel wissen. Dieser Mann hieß Agur, und er bat Gott um Folgendes:

Lass mich weder arm noch reich sein! Gib mir nur, was ich zum Leben brauche! Spr 30,8

Auf den ersten Blick geht es in diesem Gebet um das Mittelmaß. Es geht aber um mehr, es geht um Zufriedenheit. Agur scheint sich selbst gut zu kennen. Vielleicht hat er aber auch bei seiner Familie oder seinen Freunden gesehen, was passieren kann, wenn Menschen zu viel haben oder wollen. Wer zu viel will übersieht die vielen schönen Kleinigkeiten, die Gott für uns bereithält. Wer zu viel will handelt irgendwann vielleicht nicht mehr anständig. Und wer zu viel will ist ständig unzufrieden, weil das was man hat nie reicht.
Es gibt aber auch das Gegenteil vom zu viel, das zu wenig. Genauso wie es auch nicht nur die dicken Erdbeeren gibt, sondern auch die vertrockneten. Wer zu zu wenig hat wird genauso unzufrieden. Wer zu wenig hat ist genauso abgelenkt, weil sich alles nur noch um den Mangel oder den Unterschied zu anderen dreht.
Agurs Gebet ist ein gesunder Einspruch zu dem Motto “größer, schneller, weiter“ unserer Tage. Manchmal ist das Mittelmaß göttliche Gnade an uns. Du musst nicht der oder die Beste in irgendeinem Bereich sein. Du musst dich nicht mit anderen vergleichen, da Gott dich ganz individuell mit deinen Begabungen, deinen Stärken und Schwächen geschaffen hat. Jeder einzelne Mensch ist dadurch etwas Besonderes und nicht durch irgendwelche Superlative.
Während ich so weiterpflücke fällt mir ein, dass ich ohnehin mal gehört habe, dass die großen Erdbeeren nicht unbedingt die besten sein sollen. Die mittleren sollen viel mehr Aroma haben.

D. Behrens

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