Tischgebete

Liebe Geschwister,

jede Mahlzeit beginnt bei uns mit einem Tischgebet. Das wirkt jetzt erst mal sehr fromm und wahrscheinlich hast du es auch so von einer Pastorenfamilie erwartet. Aber wenn du unsere Tischgebete mal live miterleben würdest, würde es dir gar nicht mehr so fromm vorkommen. Anstatt zu fragen: „Wer ist dran mit beten?“ könnte ich auch sagen: „Fangt an mit streiten.“ Weil genau das passiert oft nach meiner Frage. Meine Kinder streiten dann aber nicht, weil sie nicht beten wollen. Sie streiten, weil alle beide beten möchten. Auch das klingt erst mal frömmer, als es in der Realität ist.  Das Tischgebet meines Sohnes lautet manchmal einfach nur: “Amen.“ Das liegt wahrscheinlich am Hunger, der ohne lange Verzögerungen gestillt werden soll. Manchmal betet er aber auch ein längeres Gebet, zum Beispiel: „Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt o Gott von dir, wir danken dir dafür.“ Und dabei zeigt er dann wie ein Dirigent mit dem Finger auf mich, auf meine Frau oder auf unsere Tochter. Und auf wem gerade gezeigt wird, darf dann auch laut mitbeten. Klappt aber nicht immer so gut, da ist mir das schlichte „Amen“ dann doch lieber.  Meine Tochter betet mitunter frei was ihr in den Sinn kommt. Wenn sie dann abends betet, beginnt sie mit: „Danke lieber Gott für den schönen Tag …“ Und dann kommt eine Aufzählung von allem, was sie den Tag über erlebt hat. Solche Gebete dauern mitunter etwas länger, was die Geduld der hungrigen Familienmitglieder etwas herausfordert, mich eingeschlossen. Aber grundsätzlich freut es mich, wenn meine Tochter ein Blick dafür entwickelt, was sie alles Schönes erlebt hat und dafür dann auch dankbar ist. Da ist meine Tochter mir ein Vorbild, da ich das Schöne, was mir begegnet ist, mitunter im Laufe des Tages schon wieder vergessen habe. Neulich ist mir aufgefallen, dass meine Tochter auch schon morgens bei Frühstück betet: „Danke für den schönen Tag.“ Ich habe mich dann bei folgendem Gedanken ertappt: „Du weißt doch gar nicht, ob das ein schöner Tag wird.“ Laut ausgesprochen habe ich es nicht, aber mein Gedanke war, dass man doch nicht im Vorfeld wissen kann, ob ein Tag gut oder schlecht wird. Jeder Tag kann Negatives mit sich bringen, auf für eine Grundschülerin. Ein Mathetest kann schlecht ausfallen, es kann Streit auf dem Schulhof geben, es könnte Kohlrabi zum Mittag geben (für meine Kinder das schlimmste Essen). Das geht uns Erwachsenen ja nicht anders. Das Auto könnte kaputt gehen, es könnten etliche Überstunden anstehen, es könnte Streit in der Familie geben und so weiter. Morgens wissen wir noch nicht, wie der Tag wird und was er für uns bereithält. Kann man da schon morgens beten: „Danke für den schönen Tag.“? Nach etwas Nachdenken bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass man auch schon morgens für den Tag danken und erwarten kann, dass es ein schöner Tag wird. In Psalm 66,5 heißt es:

Kommt und schaut die Taten Gottes! Was er für die Menschen tut, ist gewaltig. Ps 66,5

Ich glaube, dass Dankbarkeit nicht nur aus dem Rückblick entstehen kann. Der Blick zurück ist natürlich eine große Quelle der Dankbarkeit. Wenn ich aber davon ausgehe, dass Gott bei mir sein wird und es gut mit mir meint, dann kann ich auch schon im Blick nach vorne Dankbarkeit entwickeln. In dem Wissen, dass Gott es gut mit dir meint, kannst du schon jetzt für das dankbar sein, was vor dir liegt. Natürlich weiß ich nicht, was der vor mir liegende Tag bringen wird. Vielleicht wird der vor mir liegende Tag viele positive Überraschungen mit sich bringen. Vielleicht wird er aber auch voller Herausforderungen sein. Ich kann mir aber sicher sein, dass Gott bei mir ist, dass er etwas tut, das er etwas für uns Menschen tut, für mich. In diesem Sinne kann ich beten: „Danke Gott für die Tage, die vor mir liegen. Es ist schön zu wissen, dass du für mich da bist, dass du viel Schönes für mich bereithältst und selbst in den Tagen bei mir bist, die sich für mich wie ein Reinfall anfühlen.“ 

D. Behrens

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