Liebe Geschwister,

Es liegt nun schon einige Jahre zurück. Wir waren als ganze Familie über Weihnachten zusammengekommen – so wie man es sich eigentlich wünscht: alle an einem Tisch, vertraute Gesichter, vertraute Stimmen, Gerüche aus der Küche, das Knistern von Geschenkpapier. Und doch: Hinter all dieser Harmonie lag eine gewisse Spannung, kaum greifbar, aber spürbar. Vielleicht kennst du solche Momente – die Erwartung ist groß, die Nerven liegen blanker als sonst, und irgendetwas in der Luft verhindert den Frieden, den man sich eigentlich erhofft hatte. Als meine Frau und ich uns abends zurückziehen wollten, gingen wir in das Zimmer, in dem auch unsere kleine Tochter schlief. Wir mussten uns Luft machen. Also flüsterten wir – oder dachten zumindest, wir würden flüstern – über die angespannte Stimmung des Tages, darüber, was uns genervt hatte, und wie wir uns anderes gewünscht hätten. Es war kein Streit, eher ein Abtasten, ein Versuch, Ordnung in die eigenen Gefühle zu bringen. Plötzlich hörten wir eine Stimme. Nicht von unserer Tochter – sondern die unseres Schwagers. Er sagte nur einen Satz: „Ich mach dann mal das Babyfon aus.“ In diesem Moment realisierte ich, dass der Empfänger noch im Wohnzimmer stand – und alles, was wir gesagt hatten, dort deutlich angekommen war. Es war uns peinlich, unangenehm, wir wussten nicht, wie die anderen reagiert hatten oder ob unsere Worte verletzt hatten. Doch statt Vorwürfen gab es Gespräche. Lange Gespräche. Zuerst vorsichtige, später ehrliche, manchmal auch schmerzhafte. Und erst spät in der Nacht klärte sich der Unfrieden, der sich zuvor schleichend aufgebaut hatte. Wenn ich heute an diese Szene denke, höre ich nicht mehr nur die Peinlichkeit des Moments nachhallen. Ich sehe vielmehr, wie kostbar es war, dass etwas ans Licht kam, das sonst vielleicht nie ausgesprochen worden wäre. Und ich denke sofort an die Worte der Engel in der Weihnachtsgeschichte:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2,14)

Friede. Ein Wort, das wir an Weihnachten so selbstverständlich aussprechen, dass wir fast vergessen, wie radikal und herausfordernd es eigentlich ist. Friede entsteht nicht dadurch, dass alle Konflikte vertuscht werden oder man so tut, als wäre alles harmonisch. Friede entsteht, wenn Wahrheit ans Licht kommt, wenn Menschen einander ehrlich begegnen – und wenn Gottes Frieden unsere menschliche Unruhe durchdringt. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass der „Friede auf Erden“, den die Engel verkünden, mit Gottes Herrlichkeit beginnt: „Ehre sei Gott in der Höhe.“ Der Friede, den Gott schenkt, ist kein Produkt menschlicher Harmonieanstrengungen. Er ist ein Geschenk, das von oben kommt, weil wir Menschen es aus uns heraus nicht schaffen. Und so, wie in jener Nacht bei uns erst etwas Unangenehmes ans Licht kommen musste, bevor Versöhnung möglich wurde, so kommt Gott an Weihnachten mitten in unsere Unordentlichkeit, mitten in unsere ungereinigten Gefühle. Er kommt nicht, weil alles friedlich wäre – sondern damit es friedlich werden kann. Die Weihnachtsgeschichte erzählt nicht von einer Welt, die in sich stimmig ist, sondern von einer Welt, der ein Retter geboren wird. Ein Kind in einer Krippe, das die Dunkelheit nicht meidet, sondern erhellt. Und dieser Friede, den er bringt, hat selten die Form eines warmen Gefühls. Er zeigt sich in der Bereitschaft, sich zu öffnen; in der Fähigkeit, zuzuhören; im Mut, Verletzungen anzusprechen; in der Gnade, anderen und sich selbst zu vergeben. Meine kleine Weihnachtslektion aus jener Nacht lautet: Manchmal schenkt Gott uns Frieden nicht trotz, sondern durch peinliche Momente. Durch Situationen, die wir uns nie ausgesucht hätten. Durch Worte, die wir ungeschützt sagen – oder hören. Und doch kann gerade darin etwas aufbrechen, was zu mehr Nähe, mehr Verständnis, mehr echtem Frieden führt.

So wünsche ich dir in diesem Jahr ein Weihnachten, an dem du den Frieden Gottes erfährst – nicht als perfekte Stimmung, sondern als lebendige Kraft. Eine Kraft, die Unfrieden nicht überspielt, sondern verwandelt. Eine Kraft, die in einem Stall begann und bis heute Menschenherzen erreicht.

D. Behrens