Vier gewinnt

Liebe Geschwister,

letzte Woche gab es in der Schule Zeugnisse und anschließend die kurzen Zeugnisferien. Als meine Kinder aus der Schule kamen, war da auch ein Kind, das freudestrahlend seiner Mutter entgegenlief: „Mama, ich habe überall eine Vier, keine einzige fünf.“ Ich musste mich an meine Schulzeit zurückerinnern. Mein Motto war: „Vier gewinnt.“ Für mich war die Hauptsache, dass ich keine Fünf bekomme und versetzt werde. Vielleicht hätte mir manchmal etwas mehr Ehrgeiz gutgetan, so hätte ich mehr aus meiner Schulzeit machen können. Auf der anderen Seite bin ich aber auch froh, dass ich mit einer gewissen Gelassenheit durchs Leben gehe und meinen Selbstwert nicht von Schulnoten oder Leistung abhängig mache.

Leistung ist ein weitverbreitetes Bewertungskriterium. Zensuren in der Schule, Geschwindigkeit und Weite im Sport, Verkaufszahlen im Beruf, PS beim Auto. Selbst in Kirchen und Gemeinden kommt der Leistungsgedanke immer wieder vor. Wenn sich Pastoren kennenlernen, sind häufige Fragen: „Wie groß ist deine Gemeinde? Welche Arbeitsbereiche habt ihr?“ Das sind Fragen nach der Leistungsfähigkeit im Reich Gottes, nach der Leistungsfähigkeit der Gemeinde und des Pastors Bitte nicht falsch verstehen, ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Leistungsdenken.

Ich finde es gut, wenn jemand sich anstrengt und die Leistung honoriert wird. Ich finde es gut, wenn ein Arbeitnehmer sich in seinem Beruf engagiert und die Leistung auch belohnt wird. Ich finde es gut, wenn eine Gemeinde sich leidenschaftlich für Gott einsetzt und dadurch Menschen anspricht, die dann zur Gemeinde dazustoßen. Ich finde es gut, wenn ein Kind lernt und fleißig ist und dadurch eine bessere Note bekommt. Aber es ist mir gleich, ob die bessere Note nun eine Vier oder eine Zwei ist.

Manchen Menschen fällt das Lernen eben nicht leicht. Das Kind, das sich die Vier hart erarbeitet hat, hat mehr Leistung erbracht als das Kind, das ohne Üben eine Zwei bekommt. Aber in der Regel wird die Zwei positiver wahrgenommen als die Vier auf dem Zeugnis. Deshalb bin ich froh, dass Gott anders ist. Gott sieht tiefer und bewertet anders als das, was vordergründig zu sehen ist. Ich muss an das Buch der Offenbarung denken. Der Gemeinde in Smyrna sagt Jesus dort: „Ich weiß, in welcher Armut du lebst; doch in Wirklichkeit bist du reich.“ (Off 2,9) Die Gemeinde wurde bedrängt, verleumdet und hatte es nicht leicht. Was hätten die Menschen in der Gemeinde wohl gesagt, wenn sie sich eine Schulnote hätten geben müssten? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich eine Vier gegeben hätten mit den Gedanken: „Wir sind klein und bedrängt, das ist alles gerade mal ausreichend.“ Aber dieser Gemeinde sagt Jesus, dass sie reich ist. Anders die Gemeinde in Sardes, die lebendig wirkte, aber Jesus sagt ihnen, dass ihre Versetzung gefährdet ist (Off 3,1f). Mich ermutigt das. Was dem ersten Anschein nach klein, schwach oder gerade mal ausreichend erscheint, bekommt von Gott vielleicht sogar die Note Eins. Wo ich vielleicht denke, dass ich nicht genügend geben kann oder es nicht gut genug ist, sieht Gott mich doch ganz anders.

D. Behrens

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