Weihnachten und Ostern

Liebe Geschwister,

„Warum haben wir eigentlich so wenig Osterdekoration? Nur diese paar Eier und ein paar Hasen“, fragt mich meine neunjährige Tochter. Zuvor hatte sie mit meiner Frau einige Eier bemalt, um diese an einen Busch im Garten zu hängen. Ich überlege kurz, was wohl hinter ihrer Frage steckt. Will sie mehr Osterdekoration im Haus und Garten? Oder wurde sie womöglich von meiner Frau vorgeschickt, weil sie insgeheim zu einer Shoppingtour aufbrechen möchte, um dann allerlei kitschige Hasenfiguren und Eier zu kaufen? Während ich noch nachdenke, redet meine Tochter weiter. „Ostern ist doch viel wichtiger als Weihnachten. Weihnachten haben wir so viel Deko und für Ostern so wenig. Das ein Kind geboren wird, ist doch nichts Besonderes. Aber dass ein Mensch vom Tod aufersteht passiert, doch nicht so oft.“  Ich denke mir: „Nicht schlecht von der kleinen Pastorentochter, da hat sie etwas Wesentliches erkannt.“  Natürlich feiern wir an Weihnachten nicht nur die Geburt von irgendeinem Kind. Wir feiern, dass Gott zu uns Menschen kommt. Wir feiern die Geburt von Jesus, der das Licht der Welt ist. Das ist genauso besonders wie die Auferstehung von den Toten. Aber trotzdem hat Weihnachten einen viel höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft als Ostern. Das merken wir nicht nur an der Dekoration in den Häusern und in den Innenstädten. Wir merken es auch in unseren Gottesdiensten. Woran liegt das? Warum dieses Ungleichgewicht?  Ich glaube, der Zugang zu Weihnachten ist einfacher als zu Ostern. Die Geburt eines Kindes haben wir alle schon einmal erlebt, sei es die Geburt der eigenen Kinder oder bei Verwandten, Freunden, Kollegen oder Nachbarn. Während ich das schreibe, muss ich mich auch sofort an die Geburt meiner Kinder erinnern. Ich erinnere mich, wie ich sie zum ersten Mal in den Armen halte. Weihnachten berührt etwas, was alle Menschen schon einmal erlebt haben. Wie anders ist da Ostern? Was Ostern ist, lässt sich zwar leicht beantworten: die Auferstehung, ein leeres Grab und der überwundene Tod. Ostern bedeutet: Jesus ist Sieger. Aber kann man das begreifen? Kann man das verstehen? Kann man verstehen, dass da ein Gott ist, der von sich aus alles bei Seite wischt, was den Menschen von Gott trennt? Kann man das verstehen, dass diese unüberwindbare Grenze des Todes von Gott überwunden wurde und nicht das endgültige Ende bedeutet? Ich schaue auf mein Bücherregal und sehe die vielen Bücher, in denen sich etliche Theologen und Gelehrte Gedanken über die Auferstehung gemacht haben. Aber komplett erfasst hat es wohl keiner. Der Theologe Karl Barth schrieb mal über Ostern: „Es ist hell – nur zu hell, deutlich – nur zu deutlich.“ Damit hat er wohl gut erfasst, was wir in zwei Wochen feiern. Das Licht, dass an Weihnachten in die Welt kam, leuchtet nun so hell auf, dass man es nicht verstehen, sondern nur staunend annehmen kann.

Ich schaue weg vom Bücherregal in den Garten. Neben dem Busch mit den bemalten Ostereiern sind in einem anderen Busch noch die Lichterketten von Weihnachten. Ich bin bisher noch nicht dazu gekommen, sie abzunehmen. Aber das macht nichts. Weihnachten und Ostern gehören zusammen. Ich frage mich aber auch: Warum haben wir eigentlich so wenig Osterdekoration.

D. Behrens

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