Liebe Geschwister,

Ich sitze an meinem Schreibtisch und arbeite an der Predigt für den kommenden Sonntag. Draußen legt sich ein grauer Schleier über den Tag, der Wind peitscht den kalten Regen gegen die Scheiben, und zwischen den Tropfen tanzen vereinzelt Schneeflocken. „Ein richtig ungemütliches Wetter“, denke ich und bin dankbar für die Wärme drinnen. Während ich so in meinen Gedanken versinke, höre ich plötzlich ein Geräusch – ein langgezogenes Quietschen, als ob eine Tür langsam aufgestoßen würde. Seltsam. Erstens bin ich allein zu Hause, zweitens kenne ich jede Tür und weiß: Keine davon quietscht.

Ich schüttele es ab, vertiefe mich wieder in meine Vorbereitung – da ertönt ein neues Geräusch, ein helles Kreischen, das tatsächlich an eine Kreissäge erinnert, die sich durch ein Stück Holz frisst. „Wer denn bei dem Wetter draußen Holz?“ Und wieder: erst dieses Quietschen, dann das Kreischen, wie in einem festgelegten Rhythmus. Schließlich stehe ich auf und schaue aus dem Fenster. Nichts Auffälliges. Doch als die merkwürdigen Geräusche erneut erklingen, entdecke ich die Quelle: Zwei Katzen stehen sich im strömenden Schneeregen regungslos gegenüber. Sie wechseln sich ab mit ihrem quietschenden und kreischenden Fauchen, ein Revierstreit mitten im Winter. Keine von beiden bereit, auch nur einen Millimeter zurückzuweichen. Dieses frostige Duell im Schneeregen hat mich beschäftigt. Wie oft stehen wir selbst da wie diese Katzen – angespannt, misstrauisch, nicht bereit nachzugeben, verwundet vielleicht, aber unbeweglich. Der Advent malt uns gern romantische Bilder vor Augen: Lichter, Wärme, Geborgenheit. Aber die Wirklichkeit unseres Alltags sieht mitunter aus wie dieser graue Schneeregen, durchzogen von kleinen und großen Konflikten. Genau in diese Welt hinein spricht der Prophet Jesaja die berühmten Worte: „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben… und man nennt seinen Namen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedensfürst“ (Jesaja 9,5). Ein Friedensfürst – nicht irgendein Friedensstifter, nicht ein Diplomat, der Kompromisse aushandelt, sondern derjenige, der in Frieden regiert, der Frieden ausstrahlt, dessen Wesen selbst Frieden ist. Und dieser Friedensfürst kommt nicht in eine Welt, in der alles gut läuft. Er kommt in eine Welt voller Streit, Verletzlichkeit und Unversöhnlichkeit. Er kommt zu uns, die wir manchmal wie die beiden Katzen im Regen stehen – stur, erschöpft, unfähig den ersten Schritt zu machen. Advent heißt: Frieden kommt nicht erst, wenn wir ihn hergestellt haben. Der Frieden kommt zu uns in einer Person. Die Frage ist: Lassen wir ihn hinein? Gerade der Advent lädt uns ein, uns innerlich vorzubereiten. Nicht durch noch mehr Aktivität, nicht durch Perfektion oder ein besonders festliches Gefühl. Sondern indem wir Räume schaffen, in denen der Friedensfürst uns erreichen kann. Räume, in denen wir ehrlich werden: Wo halte ich an meinem Recht fest? Wo blockiere ich Frieden – in einer Beziehung, in einem Gespräch, vielleicht sogar in meinem eigenen Herzen? Jesus kommt, um Frieden zu bringen. Ein Frieden, der uns bewegt, den ersten Schritt zu wagen, wo wir es nicht für möglich gehalten hätten. Ein Frieden, der nicht darauf wartet, dass das Wetter schöner wird, sondern mitten im Schneeregen unseres Lebens anfängt. Wenn wir in den kommenden Tagen die Lichter sehen, die Kerzen entzünden und vielleicht auch draußen dem Winterwetter trotzen, dann kann uns die Erinnerung begleiten: Der Friedensfürst ist unterwegs. Nicht, weil wir perfekt vorbereitet wären, sondern weil wir ihn brauchen. Und vielleicht entdecken wir dann, wie sich etwas löst – ein Schritt aufeinander zu, ein Wort der Versöhnung, ein stiller Moment des Erbarmens. Advent bedeutet: Der Friede kommt. Und er beginnt in uns.

D. Behrens