Liebe Geschwister,
Wenn ich mit dem Rennrad unterwegs bin und nach einer Runde nach Hause komme, dann gibt es diesen einen Moment. Die Straße zieht sich durch die Felder, links stehen die Bäume, und zwischen ihnen sehe ich dann den Kühler. Rechts hinten liegt der Kahlberg. Und irgendwo dazwischen befindet sich Sebexen, mein Zuhause. Dieses Bild ist für mich in den letzten Jahren zu einem Stück Heimat geworden. Dabei hätte ich das früher kaum gedacht. Aufgewachsen bin ich im flachen Land zwischen Hamburg und Bremen. Der Horizont war weit, die Straßen gerade, die Landschaft eben. Das war für mich das Normale, das Vertraute und das Schöne. Als ich später nach Lemgo und dann nach Bielefeld zog, musste ich mich erst an die Hügel gewöhnen. Was andere als reizvolle Landschaft empfanden, bedeutete für mich zunächst vor allem Anstiege. Besonders auf dem Fahrrad. Doch mit der Zeit hat sich etwas verändert. Die Hügel blieben dieselben, aber mein Blick auf sie wurde ein anderer. Ich entdeckte die Schönheit der wechselnden Perspektiven und die weiten Ausblicke von oben. Ich begann, diese Landschaft zu lieben. Nicht plötzlich. Nicht auf einen Schlag. Sondern Schritt für Schritt. Nun werde ich bald meine Pastorenstelle wechseln und nach Ostfriesland ziehen. Dort wird die Landschaft wieder ganz anders sein: weit, offen und flach. Eigentlich genau die Gegend, die mir früher so vertraut war. Und trotzdem merke ich in diesen letzten Wochen, wie sehr mir die Hügel ans Herz gewachsen sind.
Diese Erfahrung erinnert mich an etwas, das weit über Landschaften hinausgeht: Man kann lieben lernen. Viele Menschen denken bei Liebe zuerst an ein Gefühl. Etwas, das da ist oder eben nicht. Doch die Bibel spricht oft anders von der Liebe. Sie beschreibt sie nicht nur als Gefühl, sondern auch als Haltung, als Entscheidung und als Weg. Jesus sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das wäre eine seltsame Aufforderung, wenn Liebe nur ein spontanes Gefühl wäre. Gefühle lassen sich schließlich nicht befehlen. Aber Liebe kann wachsen. Sie kann eingeübt werden. Sie entsteht oft dort, wo wir uns auf Menschen, Orte oder Situationen einlassen, die uns zunächst fremd sind. So wie ich gelernt habe, die Hügel zu lieben, können wir auch Menschen lieben lernen, die uns zunächst schwerfallen. Nicht, weil sie sich plötzlich verändern. Sondern weil Gott unseren Blick verändert.
Der Ausgangspunkt dafür ist immer Gottes Liebe zu uns. Die Bibel sagt: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“ (1. Johannes 4,19). Wir müssen Liebe nicht aus eigener Kraft hervorbringen. Wir dürfen sie empfangen. Und wer sich von Gottes Liebe prägen lässt, entdeckt oft, dass das Herz weiter wird. Für Menschen. Für Orte. Für Aufgaben. Für Wege, die man sich selbst vielleicht nie ausgesucht hätte.
Vielleicht gibt es in deinem Leben gerade etwas, das du noch nicht lieben kannst. Einen Menschen. Eine Aufgabe. Einen neuen Lebensabschnitt. Dann musst du nicht darauf warten, dass irgendwann von allein ein gutes Gefühl auftaucht. Bitte Gott darum, deinen Blick zu verändern. Manches bleibt schwierig. Aber manches wächst einem auf einmal ans Herz. So wie eine hügelige Landschaft einem Flachländer zur Heimat werden kann. Und wie Gottes Liebe Menschen verändert – Schritt für Schritt. Amen.
D. Behrens


